das eigenartige haus

Gegenüber (22tes und letztes Kapitel)

Wir sind nicht mehr in unserem Zimmer. Wir wundern uns, denn wir wissen nicht, wie wir hierher gekommen und wo wir sind. Die Wohnung ist groß und gemütlich. Sie ist hell. Sie hat schräge Decken. Die Dielen riechen nach Fichte und Leinöl. Hier gibt es zwei Fenster. Wir schauen gemeinsam aus einem. Vier Stockwerke unter uns steht eine Eisentonne auf dem Gehweg. Wir sehen spielende Kinder, rothaarig, wie die des Schuldirektors. Gegenüber steht ein Haus: klein und verfallen. Es hat ein einziges Fenster, hinter dem kein Licht zu sehen ist. Wir hoffen, dass >Iwan uns bald findet. Er wird denken, wir hätten ihn verlassen. Aber das stimmt nicht. Sobald er kommt, berichten wir ihm alles, was wir wissen, und er wird sich beruhigen. Bis dahin, werden wir das kleine, alte Haus ganz genau beobachten. In alten Häusern geschehen oft eigenartige Dinge...

Vorlesen (Kapitel 21)

Iwan hat einen leeren Koffer dabei. Er sagt nicht, warum. Wir hätten recht gehabt, sagt er beim Essen. Im Eigenartigen Haus schrumpften die Wände und von Zeit zu Zeit verschlössen sich die Fenster. Seit die Journalistin aus-, und Jördis, die Freundin des U-Bahnfahrers, eingezogen sei, wohnten im übrigen nur noch freundliche Menschen darin. Wir wundern uns über Iwan. Er scheint etwas im Schilde zu führen. Nach dem Essen will er uns vorlesen. Das hat es >noch nie gegeben. Wir gehen zu Bett. Iwan zündet eine Kerze an. Er liest: Wir kommen aus der Großen Stadt. Wir sind die ganze Nacht gereist. Mutter trägt einen großen Karton und jeder von uns beiden einen kleinen Koffer, außerdem das große Wörterbuch unseres Vaters, das wir uns weitergeben, wenn unsere Arme müde sind. Den Rest hören wir nicht. Wir schlafen sofort ein. Tief und fest.



Zitat aus Das große Heft von Agóta Kristóf (Hamburg 2010)

Feuertonne (Kapitel 20)

Vier Tage lang haben wir auf Iwan gewartet. Er sei beschäftigt gewesen, murmelt er und sieht zu Boden. Iwan fühlt sich schlecht, weil er länger ausgeblieben ist. Wir wollen das nicht. Er ist unser einziger Freund. Wir lenken ihn ab: Die Journalistin, sagen wir, ist ausgezogen. Kein Umzugswagen. Nur ein Koffer. Und ein schwarzer Sportwagen mit Ledersitzen. Der hat vorm Haus auf sie gewartet. Die Kinder des Schuldirektors haben es gesehen und ein Feuer gemacht. In der Eisentonne auf dem Gehweg. Sie haben den Schornsteinfeger gerufen und mit ihm zusammen alles verbrannt, was die Journalistin zurückgelassen hat. In der Nacht ist die Wohnung des Schornsteinfegers wieder geschrumpft. Er hat den Kaninchenstall zu sich genommen. Den mit den Siebenschläfern. Die Kinder, sagen wir, vertrauen ihm. Iwans Jacke riecht nach frisch gesägter Fichte.

Schweigen (Kapitel 19)

Gestern hatten wir uns nichts zu sagen. Wir schauten hinaus. Wie jeden Tag. Wie immer. Wir schwiegen. Wir knabberten an den Fingernägeln. Wir knabberten ein paar Salzstangen. Die hatte Iwan irgendwann mitgebracht. Schließlich wendeten wir uns >vom Fenster ab und die Rücken dem Eigenartigen Haus zu. Wir betrachteten unser Zimmer. Die Kochnische. Die niedrige Tür zur Toilette. Unsere Betten. Eins links, eins rechts. In der Mitte der Tisch, an dem wir essen, schreiben und Zankpatiencen legen. Der Sessel, in dem wir lesen. Manchmal ist es unpraktisch, nur einen Sessel zu besitzen. Aber wir kennen es nicht anders und haben uns schon lang damit arrangiert. Wer vorliest, sitzt im Sessel. Wer zuhört, am Tisch. Obwohl es erst nachmittags war, legten wir uns schließlich auf unsere Betten. Wir starrten die Decke an. Wir fühlten uns furchtbar >einsam.

Weiße Flecken (Kapitel 18)

In den letzten Tagen kommt Iwan nie früher als gegen acht Uhr am Abend bei uns vorbei. Wir wissen nicht, wo er sich herumtreibt. Allerdings gibt es gewisse Indizien. Er ist immer müde, wenn er kommt. Das kennen wir eigentlich nicht von ihm. Er hat Schwielen an den Händen, und seine Haare riechen nach Holzstaub. Manchmal auch nach Acryllack oder Wachs. Kürzlich hatte er weiße Flecken auf einem Schuh. Wie Flecken von Wandfarbe wirkten sie. Wir haben nicht gefragt. Wir wollen Iwan nicht das Gefühl geben, er würde kontrolliert. Das hätten wir selbst auch nicht gern. Jedenfalls vermuten wir, dass er sich zur Zeit als >Zimmermann verdingt. Oder als Maler. Oder Schreiner. Wir haben uns gefragt, ob das in seinem Alter nicht zu viel für ihn ist. Aber er wirkt vergnügt, beinahe heiter. Die Müdigkeit in seinem Gesicht hat nichts mit Erschöpfung zu tun.

Doch noch (Kapitel 17)

Es ist also niemand ausgezogen. Und die Wohnung des U-Bahnfahrers ist geschrumpft. Und jeden Abend schimmert Kerzenlicht hinter den Fenstern im dritten Stock. Wir haben Iwan nicht gefragt. Nichts gefragt haben wir ihn! Diesmal war alles überaus einfach. Nur sehr kurz haben wir sie gesehen. Denn kaum dass wir einen Blick auf sie werfen konnten, haben uns die Fenster - sehr entschlossen - >zurückbeobachtet. Aber immerhin: in der kurzen Zeit, die wir hatten, sahen wir sie deutlich: Klein und keineswegs mager. Trotzdem ein schmales Gesicht, beinahe spitzzulaufend. Ein geblümtes Kopftuch, im Nacken verknotet. >Türkisfarben lackierte Fingernägel, ganz kurz, und ein braun-roter Pony, linealgerade geschnitten. Als wir dann überlegen, wie sie wohl heißt, wird uns klar, dass wir Iwan doch noch fragen werden müssen. Wir finden das wirklich enttäuschend.

Nur von Kerzenlicht (Kapitel 16)

Fast hätten wir den Umzug verpasst. Über eine Reihe von Zankpatiencen hatten wir beinahe vergessen, welcher Tag heut war. Erst als von draußen lautes Poltern zu hören war, sahen wir endlich aus dem Fenster: Da stand ein knallgelber Möbelwagen mit herabgelassener Rampe. Männer mit Schiebermützen auf den Köpfen trugen ein Klavier, einen Schrank, eine zerbrechlich wirkende Stehlampe, acht Kübel mit Grünpflanzen, viele Kartons und einen Käfig, in den ein kleiner, brauner Vogel gesperrt war. Iwan warf nur einen kurzen >Blick durch unser Fernrohr. „Eine Nachtigall“, sagte er grimmig. Erst sehr spät nachts, als der Wagen längst fort war und wir notierten, dass die nur von Kerzenlicht erhellte Wohnung des U-Bahnfahrers um mindestens sechzehn weitere Zentimeter in alle Richtungen geschrumpft war, fiel uns auf, dass gar niemand ausgezogen war.

Artenschutz (Kapitel 15)

Kürzlich war der Kammerjäger im Eigenartigen Haus. Die Bewohner versammelten sich an seinem Wagen. Nur das uralte Paar aus dem Erdgeschoss sah vom >Küchenfenster her zu. Es wurden längliche Drahtkästen an alle verteilt, die auf zwei Seiten mit Klappen ausgestattet waren. Bis zu uns herüber hörten wir den Kammerjäger seinen Vortrag halten. Siebenschläfer stünden unter Artenschutz und dürften nur lebend gefangen werden - ganz gleich ob sie nachts das ganze Haus wachhielten und ihre Exkremente überall verteilten. Iwan kicherte nur, verriet uns aber erst Tage später, dass die Kinder des Schuldirektors die Siebenschläfer regelmäßig auf dem Dachboden fütterten und einige von ihnen vorsorglich in einem Hamsterkäfig im Schrank in Sicherheit gebracht hatten. Da erst fiel uns auf: wir hatten dem Dachboden noch nicht die geringste Aufmerksamkeit gewidmet.

Ausgesprochen lästig (Kapitel 14)

Seit der U-Bahnfahrer von seiner Reise zurück ist, schrumpft der dritte Stock. Die Decken haben sich gesenkt, die Wände sind aufeinanderzugewachsen. Die ganze Wohnung wirkt geradezu wie eingeschnurrt. Seltsam ist nur, dass sich außer dem U-Bahnfahrer niemand in der Wohnung befindet. Deswegen fragen wir uns, ob das Haus seine Angwohnheiten geändert hat. Abgesehen vom gewöhnlichen allnächtlichen Zusammenziehen, schrumpften die Etagen im Eigenartigen Haus bis jetzt nur, wenn sich viele darin aufhielten und wenn sie sich mochten. Wieso schrumpft also die Wohnung im dritten Stock? Iwan >weiß es. Er hat nur gelächelt, als wir ihn gefragt haben. Erst dachten wir, er mache sich wieder über uns lustig. Aber er murmelte, wir würden schon sehen, wir müssten uns noch ein wenig in Geduld üben. Schon wieder Geduld! Wir finden das ausgesprochen lästig.

Das darf unmöglich geschehen (Kapitel 13)

Iwan war im abgeschlossenen Raum hinterm Heizungskeller. Gemeinsam mit Parimarjan ist er dort eingedrungen. Sie haben sich - wir wissen nicht wie - Zugang zu dem dazugehörigen Schlüssel verschafft und sind mit Taschenlampen gerüstet hinein. Iwan weigert sich, uns zu erzählen, was sie dort gefunden haben. Er meint, das sei nichts für Menschen wie uns und es wäre auch viel besser gewesen, wenn er selbst diesen Raum niemals betreten hätte. Mehr war partout nicht aus ihm herauszubekommen. Wir haben überlegt, Parimarjan auf uns aufmerksam zu machen und ihn zu fragen. Er könnte uns erzählen, was sich dort befunden hat. Aber natürlich mussten wir diese Idee gleich wieder verwerfen. Iwan würde sich zurückgesetzt fühlen oder hintergangen oder überlistet. Das darf unmöglich geschehen. Unser Plan: uns in Geduld üben und >Hartnäckigkeit beweisen.

was geht?

2011/2012
ab dezember entstehen fünf zehn zeiler für das ensemble >gelber klang.

der >bildermacher und der >büchermacher haben die piratin überredet, die geschichte des "Eigenartigen Hauses" als mini - fortsetzungsroman zu erzählen. er beginnt am >9. juni. und die bilder dazu gibt es - wie könnte es anders sein? - im >logbuch

2010
das buch zum blog: am 17. märz ist das zehn-zeilen-buch im print bei der edition AZUR erschienen! alle weiteren infos dazu findet ihr >hier

2008
der >isla-volante-literaturpreis geht in 2008 an die zehn zeilen! eukapirates zupft das rote tuch vom haar, verbeugt sich formvollendet und murmelt leise: >danke schön...

2007
im >januar geht das zehn zeilen blog online

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was die piratin hier tut

seit 9. juni 2011
einen minifolgeroman schreiben, den der >bildermacher im logbuch illustriert... die früher übliche zehn-minuten-schreibzeit gilt im moment nicht.

bis zum 8. juni 2011
max zehn minuten schreiben, max zwei mal überarbeiten, max achthundertfünfzig zeichen mit leerzeichen.
dann: flaschenpost ins weltweitewogen schicken. das ganze, wenn die see nicht zu rau ist, täglich - die see ist allerdings oft rau.
schließlich: segel hissen, weiterschippern...

mehr zeilen...

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