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die piratin im interview - Zeitgenossen SWR2

eukapirates, aka sudabeh mohafez, im interview mit lerke von saalfeld
(dauer 45 min)

heute:
24. märz 2012
17h05
auf SWR2

viel spaß!

die zimtzicke (tierische komposita #4)

genau genommen handelt es sich bei der zimtzicke um ein missverständnis. wenn die sachlage schon mit gewürzen beschrieben werden soll, so ist die zimtzicke eher in der nähe des zuckers anzusiedeln: weiß, pudrig, überaus süß. und da sie weiß, dass ihre stimme wie ein tierisches meckern klingt, schweigt sie ohnehin meist lieber. die sache mit dem zimt hingegen, geht auf den wolf zurück: nachdem das weichmachen seiner eigenen stimme mit kreide niemanden wirklich überzeugt hatte, riet er der zickenmutter, es mit zimt zu probieren. da lief sie innen wie außen mit kupfer bestäubt herum und sprach und sprach. nun ja, kurz gesagt und deutlich: es ging nicht wirklich gut, und sie hat's bald wieder gelassen. der wolf und die zicke aber - so kann's nämlich kommen - sind auf diese weise, als das märchen endlich vorbei war, die allerbesten freunde geworden.

weisheit der perkussionisten (gelber klang #2)

immer verschwand die triangel. selbst als sie das kleine dreieck, das nach jedem konzert irgendwo backstage wieder auftauchte, mit einem fahrradschloss an den gitarrenkoffer gekettet hatten, war es zu konzertbeginn unauffindbar gewesen. sie hatten seinen part mit der orgel gemimt. aber ohne den moment, in dem mike die triangel hochhob und das publikum sie selbst aus den hintersten ecken der spelunken, in denen sie auftraten, sehen konnte, war der höhepunkt einfach dahin. mike sagte drei konzerte ab und verschwand. als er wiederkam, versammelte er alle um den gitarrenkoffer. ab sofort, verkündete er, werde er die konzerte nicht mehr nur mit ihr beenden, sondern auch jedes einzelne mit der triangel eröffnen. die anderen sahen ihn ungläubig an, aber zwei wochen später, >beim barte des propheten!, unterschrieben sie, ihren ersten plattenvertrag.

die wegdrehmuschel (tierische komposita #3)

die wegdrehmuschel schläft. sie liegt auf der seite am äußersten rand des lagers, das sie sich in algen und sand gebuddelt hat. wegdrehmuscheln träumen gern schöne dinge. so lange niemand sie stört, träumen sie immer weiter. manche haben ihr ganzes leben im traumland verbracht. der beste freund der wegdrehmuschel ist daher der aal. er fächert winzige wellen über ihren panzer hin, bis sie sich langsam erst dreht, dann öffnet. der aal zeigt ihr das HIER. sie küsst ihn dafür. man weiß nicht genau, wie sie es tun: sie tanzen, sie jauchzen, sie ziehen zum meer, sie trinken champagner und eierlikör. bis die wegdrehmuschel - sehr plötzlich, so viel ist bekannt - ein lager buddelt in algen und sand, sich wegdreht zum äußersten rand, und... der aal? ach der! der schwimmt munter zur nächsten, das ist doch allseits bekannt.

der einigel (tierische komposita #2)

entgegen landläufiger annahmen, ist der einigel nicht wirklich winzig, sondern größer als ein hühnerei und kleiner als eine klitschkofaust. überhaupt kursiert viel unwahres über den einigel. so z.B. die ansicht, er sei im akut eingeigelten zustand besonders stachlig und außerdem ein wesen, dass sein leben bevorzugt allein verbringe. das gegenteil trifft zu. des einigels meistgeübte tätigkeit ist es, entweder eine ausiglerin zu suchen oder sich mit dem ausigeln einer einiglerin zu befassen. bei der dazugehörigen zeremonie wird aufs herzhafteste geraschelt, geschnüffelt, gefiept und geschmatzt und - natürlich - ungeziefer in rauen mengen ausgetauscht. dass so selten einigel-pärchen gesichtet werden, ist reine tarnung. kurz: der einigel ist ein gänzlich missverstandenes wesen, das sich darauf verlegt hat, uns gehörig an der nase herumzuführen.

die gewitterziege (tierische komposita #1)

mit fest in den boden gestemmten beinen, steht sie vorm waldsaum auf der wiese. ihr fell ist weiß. ihre hörner sind spitz. zwischen ihnen tobt ein funken, ein feiner, heftiger funken, immer hin und her. die kleine gewitterziege vibriert konzentriert und wie aufgespannt. mit den vorderbeinen stampft sie ins gras, ein einziges mal, schlägt zweimal mit den hinterbeinen aus: weit über den spitzen der lärchen, der buchen fährt ein licht durch den himmel. dann noch eins und wieder eins, in zacken aus weiß. beiläufig sieht das tier zum zenit, wo es grollt und donnert. der wind fegt vom wald her über die wiese, dass der mickrige borstenbart krummsteht im sturm. endlich ein kurzes meckern. dann entspannt sich, beim ersten regentropfen, ihr leib, und sie trollt sich zur herde von schafen, unter denen sie, zu gewöhnlichen zeiten, beinahe unerkannt lebt.


für >youNice

Soeben erschienen!

Das Eigenartige Haus mit
Texten von Sudabeh Mohafez und
Illustrationen von Rittiner & Gomez ist
soeben als Graphic Novel in der Edition Taberna Kritika erschienen!

Die Autorin, der Bildermacher und der Büchermacher freuen sich über reges Interesse und ebenso rege Nachfrage :-) und wünschen viel Spaß beim Lesen und Betrachten...

Und gleich eine erste Rezension dazu auf Lesefieber.ch

überleben (gelber klang #1)

die schule war so still und verlassen wie die ganze stadt. auch hinter den letzten häusern setzte sich die stille fort, lag über der brache aus verkommenen feldern, die sich neuerdings dort ausbreitete. wir hatten streifzüge unternommen, aber in dieser ersten zeit war keiner von uns daran gewöhnt, längere strecken unmotorisiert zu bewältigen. tiere gab es keine mehr. die kadaver in der umgebung hatten wir verbrannt. tagsüber wechselten wir verbände, bekämpften das fieber, sandten hilferufe in den äther, erkundeten die umgebung. aber das überleben geschah nachts. nachts versammelten wir uns im musikraum der schule. zu beginn waren wir unkundig gewesen. inzwischen waren wir alle musiker. wir spielten. wir spielten monatelang. und als endlich hilfe kam, liessen wir die instrumente zurück. niemand wusste schließlich, wie viele hier noch stranden würden.

Gegenüber (22tes und letztes Kapitel)

Wir sind nicht mehr in unserem Zimmer. Wir wundern uns, denn wir wissen nicht, wie wir hierher gekommen und wo wir sind. Die Wohnung ist groß und gemütlich. Sie ist hell. Sie hat schräge Decken. Die Dielen riechen nach Fichte und Leinöl. Hier gibt es zwei Fenster. Wir schauen gemeinsam aus einem. Vier Stockwerke unter uns steht eine Eisentonne auf dem Gehweg. Wir sehen spielende Kinder, rothaarig, wie die des Schuldirektors. Gegenüber steht ein Haus: klein und verfallen. Es hat ein einziges Fenster, hinter dem kein Licht zu sehen ist. Wir hoffen, dass >Iwan uns bald findet. Er wird denken, wir hätten ihn verlassen. Aber das stimmt nicht. Sobald er kommt, berichten wir ihm alles, was wir wissen, und er wird sich beruhigen. Bis dahin, werden wir das kleine, alte Haus ganz genau beobachten. In alten Häusern geschehen oft eigenartige Dinge...

Vorlesen (Kapitel 21)

Iwan hat einen leeren Koffer dabei. Er sagt nicht, warum. Wir hätten recht gehabt, sagt er beim Essen. Im Eigenartigen Haus schrumpften die Wände und von Zeit zu Zeit verschlössen sich die Fenster. Seit die Journalistin aus-, und Jördis, die Freundin des U-Bahnfahrers, eingezogen sei, wohnten im übrigen nur noch freundliche Menschen darin. Wir wundern uns über Iwan. Er scheint etwas im Schilde zu führen. Nach dem Essen will er uns vorlesen. Das hat es >noch nie gegeben. Wir gehen zu Bett. Iwan zündet eine Kerze an. Er liest: Wir kommen aus der Großen Stadt. Wir sind die ganze Nacht gereist. Mutter trägt einen großen Karton und jeder von uns beiden einen kleinen Koffer, außerdem das große Wörterbuch unseres Vaters, das wir uns weitergeben, wenn unsere Arme müde sind. Den Rest hören wir nicht. Wir schlafen sofort ein. Tief und fest.



Zitat aus Das große Heft von Agóta Kristóf (Hamburg 2010)

Feuertonne (Kapitel 20)

Vier Tage lang haben wir auf Iwan gewartet. Er sei beschäftigt gewesen, murmelt er und sieht zu Boden. Iwan fühlt sich schlecht, weil er länger ausgeblieben ist. Wir wollen das nicht. Er ist unser einziger Freund. Wir lenken ihn ab: Die Journalistin, sagen wir, ist ausgezogen. Kein Umzugswagen. Nur ein Koffer. Und ein schwarzer Sportwagen mit Ledersitzen. Der hat vorm Haus auf sie gewartet. Die Kinder des Schuldirektors haben es gesehen und ein Feuer gemacht. In der Eisentonne auf dem Gehweg. Sie haben den Schornsteinfeger gerufen und mit ihm zusammen alles verbrannt, was die Journalistin zurückgelassen hat. In der Nacht ist die Wohnung des Schornsteinfegers wieder geschrumpft. Er hat den Kaninchenstall zu sich genommen. Den mit den Siebenschläfern. Die Kinder, sagen wir, vertrauen ihm. Iwans Jacke riecht nach frisch gesägter Fichte.

Schweigen (Kapitel 19)

Gestern hatten wir uns nichts zu sagen. Wir schauten hinaus. Wie jeden Tag. Wie immer. Wir schwiegen. Wir knabberten an den Fingernägeln. Wir knabberten ein paar Salzstangen. Die hatte Iwan irgendwann mitgebracht. Schließlich wendeten wir uns >vom Fenster ab und die Rücken dem Eigenartigen Haus zu. Wir betrachteten unser Zimmer. Die Kochnische. Die niedrige Tür zur Toilette. Unsere Betten. Eins links, eins rechts. In der Mitte der Tisch, an dem wir essen, schreiben und Zankpatiencen legen. Der Sessel, in dem wir lesen. Manchmal ist es unpraktisch, nur einen Sessel zu besitzen. Aber wir kennen es nicht anders und haben uns schon lang damit arrangiert. Wer vorliest, sitzt im Sessel. Wer zuhört, am Tisch. Obwohl es erst nachmittags war, legten wir uns schließlich auf unsere Betten. Wir starrten die Decke an. Wir fühlten uns furchtbar >einsam.

Weiße Flecken (Kapitel 18)

In den letzten Tagen kommt Iwan nie früher als gegen acht Uhr am Abend bei uns vorbei. Wir wissen nicht, wo er sich herumtreibt. Allerdings gibt es gewisse Indizien. Er ist immer müde, wenn er kommt. Das kennen wir eigentlich nicht von ihm. Er hat Schwielen an den Händen, und seine Haare riechen nach Holzstaub. Manchmal auch nach Acryllack oder Wachs. Kürzlich hatte er weiße Flecken auf einem Schuh. Wie Flecken von Wandfarbe wirkten sie. Wir haben nicht gefragt. Wir wollen Iwan nicht das Gefühl geben, er würde kontrolliert. Das hätten wir selbst auch nicht gern. Jedenfalls vermuten wir, dass er sich zur Zeit als >Zimmermann verdingt. Oder als Maler. Oder Schreiner. Wir haben uns gefragt, ob das in seinem Alter nicht zu viel für ihn ist. Aber er wirkt vergnügt, beinahe heiter. Die Müdigkeit in seinem Gesicht hat nichts mit Erschöpfung zu tun.

Doch noch (Kapitel 17)

Es ist also niemand ausgezogen. Und die Wohnung des U-Bahnfahrers ist geschrumpft. Und jeden Abend schimmert Kerzenlicht hinter den Fenstern im dritten Stock. Wir haben Iwan nicht gefragt. Nichts gefragt haben wir ihn! Diesmal war alles überaus einfach. Nur sehr kurz haben wir sie gesehen. Denn kaum dass wir einen Blick auf sie werfen konnten, haben uns die Fenster - sehr entschlossen - >zurückbeobachtet. Aber immerhin: in der kurzen Zeit, die wir hatten, sahen wir sie deutlich: Klein und keineswegs mager. Trotzdem ein schmales Gesicht, beinahe spitzzulaufend. Ein geblümtes Kopftuch, im Nacken verknotet. >Türkisfarben lackierte Fingernägel, ganz kurz, und ein braun-roter Pony, linealgerade geschnitten. Als wir dann überlegen, wie sie wohl heißt, wird uns klar, dass wir Iwan doch noch fragen werden müssen. Wir finden das wirklich enttäuschend.

Nur von Kerzenlicht (Kapitel 16)

Fast hätten wir den Umzug verpasst. Über eine Reihe von Zankpatiencen hatten wir beinahe vergessen, welcher Tag heut war. Erst als von draußen lautes Poltern zu hören war, sahen wir endlich aus dem Fenster: Da stand ein knallgelber Möbelwagen mit herabgelassener Rampe. Männer mit Schiebermützen auf den Köpfen trugen ein Klavier, einen Schrank, eine zerbrechlich wirkende Stehlampe, acht Kübel mit Grünpflanzen, viele Kartons und einen Käfig, in den ein kleiner, brauner Vogel gesperrt war. Iwan warf nur einen kurzen >Blick durch unser Fernrohr. „Eine Nachtigall“, sagte er grimmig. Erst sehr spät nachts, als der Wagen längst fort war und wir notierten, dass die nur von Kerzenlicht erhellte Wohnung des U-Bahnfahrers um mindestens sechzehn weitere Zentimeter in alle Richtungen geschrumpft war, fiel uns auf, dass gar niemand ausgezogen war.

was geht?

2012
das >Eigenartige Haus mit texten von sudabeh mohafez, aka eukapirates, und illustrationen von >rittiner & gomez erscheint als graphic novel im print bei der >edition taberna kritika

2011
zwischen dezember 2011 und mai 2012 entstehen hier fünf zehn-zeiler für das ensemble >gelber klang.

der >bildermacher und der >büchermacher haben die piratin überredet, die geschichte des "Eigenartigen Hauses" als mini - fortsetzungsroman zu erzählen. er beginnt am >9. juni. und die bilder dazu gibt es - wie könnte es anders sein? - im >logbuch

2010
das buch zum blog: am 17. märz ist das zehn-zeilen-buch im print bei der edition AZUR erschienen! alle weiteren infos dazu findet ihr >hier

2008
der >isla-volante-literaturpreis geht in 2008 an die zehn zeilen! eukapirates zupft das rote tuch vom haar, verbeugt sich formvollendet und murmelt leise: >danke schön...

2007
im >januar geht das zehn zeilen blog online

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was die piratin hier tut

max zehn minuten schreiben
max zwei mal überarbeiten
max 852 zeichen mit leerzeichen
dann
flaschenpost ins weltweitewogen schicken
das ganze, wenn die see nicht zu rau ist, täglich
die see ist allerdings oft rau.
schließlich
segel hissen, weiterschippern...

mehr zeilen...

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