alleinsamkeit (für tanzbär, mauzn und wombat)

jede insel ist einzigartig, und jeder von uns besitzt eine insel. in ihrem gesamten leben verbringen manche von uns nur einen einzigen tag oder sogar nur wenige stunden auf ihr. andere verweilen wochenlang dort, selbst monate, die wenigsten ganze jahre. keine von ihnen gleicht einer anderen, außer in dem einen punkt, daß sie alle eiländer sind, umgeben von endlosem wogen: alleinsamkeitsorte. manche sind dennoch auf eigentümliche art >vielbevölkert, keine von ihnen ist wirklich beschreibbar. eins aber steht fest: wenn wir auf unsere inseln reisen, wissen wir vorher nie, was dort geschehen wird, was uns begegnen wird oder wer. wir wissen nicht, wer wir sein werden, wenn wir dort sind, und wer, wenn wir wiederkehren aufs festland. und auch die, die wir zurücklassen an land, wissen es nicht. an dem tag aber, an dem wir heimkehren zu ihnen, bringen wir unseren wahren namen mit.

keineswegs tautologisch

tage, an denen ich zum füller greife, nur um zu schreiben. das klingt tautologisch, ist es aber nicht, nämlich nur um zu schreiben meint keinen inhalt, meint lediglich die physische tätigkeit: das aufschlagen des hefts, das abschrauben der füllerkappe, das nachfüllen der tinte aus dem kleinen glasfaß, das zurückgeben eines tropfens davon, um ein überlaufen der tintenkammer zu verhindern, das klackern beim wegstellen des fässchens auf den tonteller neben dem fenster, das schaben der feder übers papier, das langsame sichtbarwerden blauer buchstabenketten auf hauchdünnen, grauen linien, die kaligraphie meiner schrift, wie sie eine um die nächste seite bedeckt, und die freude, die mich bei all dem durchdringt. tage, an denen ich tatsächlich nur zum füller greife, um zu schreiben...

regenbogen (für wombat)

du saßest an einem holztisch, grobgezimmert, auf einer verregneten frühlingslichtung, vor dir zwei campingbecher, aus denen kaffeedampf stieg. du lächeltest, winktest ungeduldig: ich sollte mich endlich wieder neben dich setzen, dabei war ich nur kurz aufgestanden, um milch aus dem wagen zu holen. als ich neben dir stand, konnte ich erkennen, was von ferne wie ein seltsamer schimmer gewirkt hatte: unter deiner brust schien dein herz hindurch als läge es frei. es war deutlich zu sehen: groß und stark. es schlug regelmäßig und leuchtete. der regen verzog sich, und noch bevor wir den kaffee ausgetrunken hatten, lag die lichtung in leuchtendem sonnenschein. still und ganz ohne anstrengung war es geschehen. den regenbogen, der sich über uns spannte, hast du zuerst gesehen.

frosch (für rené)

nachts im wald einen frosch getroffen. ihn nicht als das erkannt, was er war, alldieweil er völlig bewegungslos auf dem weg vor mir saß. in der dunkelheit angenommen, er sei ein mittelgroßes platanenblatt, obwohl, was mir später erst einfiel, nur buchen, birken und kiefern dort wachsen. gemächlich weitergegangen. mich erst zu tode erschreckt, dann wie ein kind gefreut, als er, nur bruchteile von sekunden bevor mein stiefel ihn zerquetscht hätte, in >größter eleganz und gelassenheit schräg an mir vorbeihüpfte und im noch dunkleren unterholz verschwand. ein mißverständnis: blitzschnell aufgeklärt. zwei wirklichkeiten: mühelos ineinandergeschmiegt.

urheberrecht

ein text von mir für iRights, der viellleicht die eine oder den anderen blogger/in und oder leser/in interessieren könnte, findet sich hier: >eine e-mail aus dem nahen osten. viel spaß beim lesen...

begegnen

es war nicht das einrad, auf dem sie saß, das ihn faszinierte. es waren ihr blick und ihre haare, die in dunklen locken hinter ihr im wind trudelten, als seien sie ein >lebewesen mit eigenem willen. dann verschwand sie hinter der straßenbiegung, aber ihr bild hing noch sekundenlang vor seinen augen. wer bist du? dachte er. tage später kaufte er streichhölzer am kiosk. wegen der kopfhörer mit musik in seinen ohren und weil sie hinter ihm darauf wartete, an die reihe zu kommen, sah und hörte er sie nicht. in meinem traum, sagte sie, hattest du rote haare. die braunen stehen dir viel besser. er nickte dem verkäufer zu und ging. erstaunt schaute sie ihm nach, ein seltsames gefühl im magen. wie oft trifft man den richtigen, bis man ihm wirklich begegnet? murmelte sie als der verkäufer ihr das wechselgeld reichte.

weil sie wahr ist (für krappi)

sitzt in meiner küche und erzählt von früher. von einem früher, das noch gar nicht so lang her ist. erzählt von >stehenden wellen in städten, in einer stadt, einer der wenigen, in denen es hierzulande so etwas noch gab, von cafés und sonnentagen und seltenen besuchen an der universität. erzählt von den jungs, die damals da waren, die immer noch da sind, davon, daß sie irgendwie in jeder lebenszeit zusammen waren, daß er sich an keinen streit erinnern kann, an keinen wirklichen. sitzt in meiner küche und erzählt lächelnd von einem früher, das eigentlich nach wie vor andauert, ins jetzt reicht und noch lange bestehen wird, also im grunde auch gegenwart und zukunft ist. und ich trinke einen schluck bier und denke, daß das eine der schönsten geschichten ist, die ich seit langem gehört habe, vor allem: weil sie wahr ist.

hilflos

die beiden saßen auf zwei alten autoreifen am ende des stegs und blickten auf den zugefrorenen see. ringsum nur winterweiß, der wässrig blaue himmel, das frostüberzogene grün der tannen am anderen ufer. ab und an ein knacken aus dem eis vor ihnen, das holzige schaben, wenn ein luftzug die riedhalme gegeneinander stieß. noch sekunden nachdem sie ausgeatmet hatten, hingen streifen kondensierter luft vor ihren gesichtern. sie hatte geweint, wirkte aber gelassen. er legte ihr den arm um die schultern. gleichzeitig sahen sie auf, als ein reiher über ihnen entlangflog. schwesterchen, sagte er und zog sie an sich, das leben ist manchmal ein bißchen verheddert, das wird schon noch. sie nickte. niemals hätte ich gedacht, daß man sich so entsetzlich hilflos fühlt, sagte sie, wenn man jemanden wirklich vermisst.

milan (für milan)

der >milan saß in der birke vorm fenster der dachwohnung. es war die zeit seiner ersten beuteflüge, aber er rührte sich nicht. endlich sah er den jungen hinterm fenster, wie er sich den schlaf aus den augen rieb. guten morgen, sagte der vogel. der junge riß erstaunt die augen auf. wer bist du? fragte er. dein zwilling, antwortete der milan. du mußt wissen, erklärte er, daß jeder von uns milanen einen menschenzwilling hat. ein leben lang teilen wir alle freude und alle trauer mit ihm. wer unser menschenzwilling ist, wird uns im traum offenbart. letzte nacht habe ich von dir geträumt. ich heiße raban, stellte er sich vor. der junge lächelte übers ganze gesicht. und ich, rief er, heiße >milan, treffen wir uns im wald? raban nickte und flog auf. milan aber war in seinem ganzen leben noch nie so schnell angezogen gewesen wie an diesem morgen...

was ehe ist

ich habe nachgedacht, sagt er, sieht auf den tisch, auf seine hände, räuspert sich. wir können alles machen. er sagt es genau so, er sagt: alles machen. außer du weißt schon. bricht ab, räuspert sich wieder. außer, na ja, außer das allerletzte. er nickt, als er es sagt, betrachtet jetzt seine knie. wenn ich sagen kann, ich meine, sagt er, falls sie es doch herausfindet, wenn ich dann sagen kann, wenn ich beschwören kann, wenn ich, ohne zu lügen, beteuern kann, daß ich nicht mit dir. er nickt wieder. dann ist es nicht so, du weißt schon, nicht so schlimm, verstehst du? das vergehen. er sagt tatsächlich: vergehen. es ist dann nicht wirklich von bedeutung, nicht ganz so gravierend. dann läßt sie es irgendwie durchgehen. aber alles andere, wirklich, alles andere können wir machen. wenn du einverstanden bist, natürlich.


nach einem mehr oder weniger unfreiwillig, aber überaus fasziniert zu sehr später stunde mitgehörten gespräch in meiner lieblingskneipe...

verloren

sie erinnerte sich nicht daran, was es war, dass sie verloren hatte. nur, dass es sich hier befinden mußte, das wußte sie mit gewissheit. die fenster waren mit feinem holzstaub bedeckt und so war der große raum, in dem sie stand, in gedämftes licht getaucht. lang ging sie zwischen werkbänken und regalen voller stechbeitel und hobel herum, und fand endlich hinter der metallsäge, was sie suchte. sie hob es auf. es hatte die farbe getrockneter tomaten und schien auf die größe eines pingpongballs geschrumpft zu sein, war knittrig und fast flach. sie drehte und wendete es, hielt es gegens licht, gab schließlich auf. wäre es nicht so >leblos gewesen, hätte es wenigstens noch leicht geschlagen, vermutlich wäre es ihr wieder eingefallen, so aber konnte sie sich einfach nicht entsinnen, was es war, das sie gesucht und nun wiedergefunden hatte.

wohlstandsbewegungen, unvollständig (für petra)

beschuhter fuß, wie er im weggehen die kühlschranktür zustößt. besorgter blick, wie er über einen kratzer im schwarzen autolack fährt. gepuderte nase, wie sie sich beim vorbeigehen an mülleimern hinter der markthalle rümpft. empörte stimmen, wie sie sich nach einem telefonat mit der krankenversicherung erheben. geschüttelter kopf, wie er dem kind die schokolade verbietet. lachender mund, wie er blitzblanke zähne und zwei lückenlose zahnreihen zeigt. nackter fuß, wie er auf teppich steht. geschlossene augen, wie sie in ruhe schlafen.

bandoneon

die uhr tickt stetig. in ihren leisen marsch mischt sich das klicken der stricknadeln, das schaben der wolle an wenckes schwieligen händen, das knistern der plastiktüte, wenn sie >den faden nachzieht. sie lauscht, sortiert gedanken. malte ist heimgekehrt. mitten in der nacht stand er vor der tür, klopfte nicht, stierte nur vor sich hin. davon muß ich aufgewacht sein, denkt sie, von seinem stehen und stieren vor der tür. niemand rechnete damit, ihn wiederzusehen. von dort, wo man ihn hingeschickt hat, kommt keiner zurück. er ließ sich nicht umarmen, ging einfach an ihr vorbei zum sofa, legte sich hin und >schlief. gegen mittag holte er ein uraltes bandoneon aus dem seesack und verschwand in der kirche nebenan. seit stunden spielt er dort. hoffentlich findet er jemanden, dem er alles erzählen kann, denkt wencke. nur mir nicht, bitte nicht mir...

text zu >rauschen 1

wurzel, chancenlos

sie hatte sich an das schummerlicht gewöhnt, an die feuchte luft und den husten. sie war so lange nicht mehr draußen gewesen, hatte so lange die fensterläden nicht mehr geöffnet und sich von leitungswasser und mais aus dosen ernährt, daß sie sich nicht wunderte, als irgendwann ein riß im boden entstand, weil die kräftige wurzel eines baumes sich in ihr zimmer bohrte. sie verbrachte ihre tage damit, die wurzel zu beobachten, die langsam aber steitg auf das spärliche licht zuwuchs, das durch die fensterläden fiel, bis sie sich eines tages den weg durch das morsche holz eines der läden brach. wurzelarbeit. sie schüttelte den kopf, wartete auf die nacht, stahl bretter und nägel vom hof nebenan, ging zurück ins zimmer und nagelte das loch zu. sie hatte ihre entscheidung vor vielen jahren getroffen, es gab nichts zu überdenken an ihr.

danke schön!

der >isla-volante-literaturpreis geht in 2008 an die ZEHN ZEILEN! eukapirates zupft das rote tuch vom haar, verbeugt sich formvollendet und murmelt leise: >danke schön...

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was die piratin hier tut

max zehn minuten schreiben, max zwei mal überarbeiten, max achthundertfünfzig zeichen mit leerzeichen. dann: flaschenpost ins weltweitewogen schicken. das ganze, wenn die see nicht zu rau ist, täglich - die see ist allerdings oft rau. schließlich: segel hissen, weiterschippern...

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