Achtzig Jahre Bücherverbrennung

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10. Mai >Erinnerung.Macht.Zukunft

Ausgewildert (für Greta, Kathrin, Merle und Verena)

Beinahe unbeweglich schwebt er an der immer gleichen Stelle im Wind. Die Brise, in der er steht, rauscht so laut gegen ihn hin, dass er nichts anderes hört als sie. Die vier Gestalten am Boden sind inzwischen weit, weit entfernt, dennoch kann er sie exakt ausmachen. Er betrachtet ihre weit in den Nacken gelegten Köpfe, ihre Hände, die sie sich vor die Stirn halten gegen das Frühlingssblenden vom Himmel. Zwischen ihnen am Boden steht der große Käfig, in dem sie ihn hergebracht haben, durch Schatten und Licht über eng verschraubte Serpentinen und hoch zu der Lichtung dort unten. Vorsichtig bewegt er seinen linken Flügel. Kein Schmerz mehr, kein lahmes Hängen der Schwinge, kein Schleifen der Flugfeder gegen seine Seite. Er wendet den Blick übers Tal in Richtung der Hügel auf der anderen Seite, dann dreht er ab.

Tulpen (London #9)

In der Besenkammer des Hausmeisters wohnt neuerdings jemand. Mein Schlafzimmer liegt direkt daneben. Nachts höre ich ein Scharren. Ein Wälzen und Drehen. Ein unbekümmertes, sehr männliches Schnarchen: zwischen Eimern und Wischmopp, macht es sich über den drei Quadratmetern Bodenfläche breit, prallt an die Wände und weckt mich. Ich habe ihm einen Zettel unter die Tür geschoben: Please stop snoring! I can't sleep. Gestern stand nun ein pappenes Kästchen vor meiner Tür. That'll surely help, war darauf notiert. Und drinnen? Drei paar Ohropax, eine CD mit Meeresrauschen sowie Walsers 98er „Dankesrede“ - im Original und von Tee-, wie Wachsflecken geziert. Durchs Guckloch blinzelnd, sah ich ihn eben heimkehren, komplett mit Frack, Zylinder und Uhrenkette, und ich könnte schwören: er hat gelächelt, als er den Strauß Tulpen an seiner Besenkammerklinke hängen sah.

(Nach der höchst vergnüglichen Lektüre von Ernst Augustins >Robinsons blaues Haus.)

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Zuerst erschienen im >poet nr. 14

In der Birke (London #8)

Wir fielen in eine Jauchegrube. Von sehr weit oben fielen wir. Die Grube war tief und an den Rändern umstanden von Stacheldraht. Wir dümpelten lange, strahlten so gut wir konnten. Aber immer, wenn jemand kam, wurde nur neuerlich Unrat auf uns geschüttet. Nach oben hin gab es kein Entkommen. Also übten wir Tauchen und Graben. Eins von uns ist ertrunken (war ich da froh, dass ich nur träumte). Aber Jahre später kam ein Andres in Siquijor heraus, wo es sich summend im Haar eines Wasserbüffels niederließ. Ein Drittes kletterte unterm Steg wieder ans Licht und schimmert nun Nacht für Nacht auf der Sternwartenspitze. Das Vierte (das war ich) grub am Längsten. Als es endlich in die klare Nacht hinauskroch, lachte es laut: kaum zwei Meter zu seiner Seite lag sie, die Grube. Es hat ein feines Netz darüber gespannt und glitzert seither in der Birke.

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Zuerst erschienen im >poet nr. 14

Naheliegend (London #7)

Weit weg von zuhause, lässt sich Unantastbares berühren. Es war also naheliegend, dass ich ein Bild der Mutter mitnahm, eins vom Vater. Sie auf Pappe klebte. Diese im Laufe der Wochen, sozusagen, umschriftete. Mit Wörtern. Sätzen. Vielen, wunderbar stachligen eckigen Klammern, die Leere rahmten: für alles, woran ich mich zu erinnern weigere. Dass ich am letzten Morgen zum Meer lief. Mich auf die Düne setzte. Den rohen Himmel betrachtete. Die Pappe in fingernagelgroße Stücke zerriss. An der Wasserkante ein Loch grub: Mutterschnipsel hinein, Vaterschnipsel. Obenauf nassen Sand. Wieder auf die Düne kletterte. Zusah, wie die Flut kam. Wie sie ging. Wie der Strand glatt lag. Und naheliegend, was ich, zurückgekehrt, vorfand: die Mutter im Bad ersoffen, der Vater vom Balkon gestürzt. Ich hätte früher fahren sollen. Viel früher.

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Zuerst erschienen im >poet nr. 14

Während alle vom Frühlling träumen...

Wir entsinnen uns nicht mehr daran, wann der Regen begann. Es scheint, als sei er immer schon da gewesen. Es scheint so, obwohl wir manchmal, sehr kurz und sehr flüchtig, von drückend trockener Sommerhitze träumen, von stahlblauem Himmel und Blätterstaub in der Luft. Es muss also, höchstwahrscheinlich, eine Zeit gegeben haben, eine während unserer Lebensspanne, in der es nicht immer regnete. Aber das ist nichts als Logik und sie ändert nichts an der nassen Luft, nichts an klammen Pullovern oder trüb-verhangenen Gedanken. Soweit die Erinnerung reicht, ist der Winter unsere größte Freude. Er bringt den weiten Himmel, blau und unendlich. Er bringt die Sonne am Firmament dazu, uns die Haut zu bräunen. Und im Winter reicht schon ein kleines Feuer im Kamin, um alles Feuchte zu vertreiben und knisterndes Wohlsein zu verbreiten.

Einpacken (London #6)

Es sollte grau sein hier. Und verhangen und regennass. Das Essen ganz ungenießbar. Aber es ist nicht wahr: Berlin kann einpacken dagegen. Gelbe Bäume mit schwarzen Stämmen. Rote Bäume mit braunen Stämmen. Asphaltdurchbrochenes Grün. Der Himmel blau-weiß gestreift, nachts sternenklar. Gesichter in allen Schattierungen. Die Sprachen sind fern und nah und zahlreich. Und durchzogen von Sirenenjammer. Auch vom Schnattern der Wildgänse, dem Schweigen der Reiher, Kurren der Teichrallen aus dem Röhricht im Park und entlang der Kanäle. Fremde spricht man mit Darling an oder Love, zeigt ihnen den Weg und legt ihnen das Wechselgeld sortiert auf den Tresen, dass sie es in Ruhe zählen können. Das geschmähte Essen: köstlich und aus aller Herren Länder. Verdammter Kolonialismus!, natürlich. Aber grau ist hier nichts. Ich lese >Virginia und >Gautam Malkani.

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Zuerst erschienen im >poet nr. 14

ßkanks (für Astrid K und Gregor / London #5)

ju bring käik. ai biet kriem. ju ßink ßiß e gutt aidia? ai ßink: ßo wie will häff e wäri naiß aftanuhn. änt ai propohß, wie schäll tohk owa aua wöak, jeß? if ße wäsa iß naiß, wie kutt olßo häw e littl wohk autßait. ßer iß en ixtriehmli biutiful forreßt rait behaint ße hauß. in ße forreßt ßär liwß e ßkank. wiß tuh bebieß. ßei ah wäriwäri ßwiet. et ließt tu mie ßei ah. laik ohl enimelß, ai olßo laff ße ßkankß. ißpeschieli ße bebießkankß. jeß. won taim ße papaßkank rän ahfta mie änt woß kaind off bahking, ju ßie. bikoß ai went not onli tu ßie, bat olßo tu schtrohk ße bebieß. änd ße papaßkank bitt mieh in ße läck. bat no problem! ju wil laff ßem tuh, ai äm schua. ßo. nau. ju bring käik. ai biet kriem. wie häff koffie. wiß käik änd kriem. ßen wie goh häff e wohk autßait tu ßie ße bebießkankß ent olßo tu tohk abaut wöak. jeß! gräit, gräit aftanuhn ßät.

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Zuerst erschienen im >poet nr. 14

Flaschenpost (für Annja / London #4)

Glaub's oder glaub's nicht: es war die Flaschenpost. Sie hat sie aufgegeben, als sie zehn war oder elf. Sie ist zum Bach gelaufen. Aus dem Wald, in dem sie lebte: mit ihren Eltern, Freunden der Eltern, den Kindern der Freude der Eltern, in einem Haus, in dem es keine abschließbaren Türen gab, in dem der Küchentisch so groß war, dass siebzehn Leute Platz nehmen konnten, ohne beengt zu sitzen, in dem viel Licht war und viel Dunkel, wie in allen Häusern. Aus dem Wald ist sie gelaufen zum Bach und hat, die Füße strumpflos in Gummischuhen, die Beine nackt bis zum geblümten Röckchen, einen Zettel geschrieben, auf dem sie ihre Adresse notierte und den Wunsch nach einer Brieffreundin. Den Zettel hat sie in die Flasche mit Korken gestopft und aufs Wasser geworfen. Glaub's oder glaub's nicht: seitdem schreiben wir uns. Nur gesehen habe ich sie noch nie.

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Zuerst erschienen im >poet nr. 14

Die Stelle (London #3)

Ich laufe. Ich laufe und laufe. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt innegehalten habe. Jetzt laufe ich durch eine Stadt. Ich weiß nicht, wie ich hergekommen bin. Vermutlich bin ich gelaufen. Gestern lief ich noch durchs Haus. Treppauf. Treppab. Etwas von hier nach dort tragen. Von oben nach unten stellen. Etwas im einen, dann im anderen Raum verrichten. Nun laufe ich hier. Es gibt einen Turm. Ich laufe auf ihn zu. Ich laufe an ihm vorbei. Es gibt ein Schloss. Ich laufe entlang seines Parks. Es gibt Busse und Taxis und Kinos und Museen und Fahrräder, die man für wenig Geld an jeder Straßenecke mieten kann. Ich laufe. Es gibt einen Kanal. Hier ist es sehr still. Ich laufe an langen, niedrigen Booten entlang. An Menschen mit Kindern, Hunden, Blumentöpfen. Sie leben auf den Booten. Ich laufe. Im Laufen wende ich mich um. Ich merke mir die Stelle.

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Zuerst erschienen im >poet nr. 14

Ein Stück Holz (London #2)

Ein grundsätzliches, auch heftiges Gefühl ziellosen und ungestalteten Dahinflutens. Als läge ich, von seinen Wassern getragen, in einem breiten, gluckernden, fürs Erste ungefährlichen Strom – willenlos, mit ausgebreiteten Armen – und wüsste nicht, wie mir geschieht. Daher ständig der Impuls,

etwas zu tun, einen Plan zu machen, ein Buch zu schreiben,
herauszufinden wer ich jetzt bin.

Aber vergeblich: er verpufft ein ums andre Mal. Und ich, mit diesem dezidiert grundsätzlichen Gefühl, ziellos und jetzt ungestalt dahinzufluten, bei genauerem Hinsehen sogar: zunehmend ungestalt, und mit zwar nicht wirklich ausgebreiteten Armen, aber doch irgendwie auf eine deutlich daran erinnernde Weise durch den Tag rudernd, fuchtelnd, verschlucke mich an den Staubwolken, die vom Sofa aufsteigen, wenn ich mich daran klammere wie an ein Stück Holz auf höchster Tiefsee.

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Mit allerbesten Grüßen voa mai mohst wondavull vräntz ät
Queen Mary University of London

Technikfreak

Heute habe ich, ohne ersichtlichen Grund, nach langer Zeit wieder an Mutters >Maschine gedacht. Sie steht im Schuppen. Mutter hat sie dort aufgebaut, vor noch viel längerer Zeit, als sie nämlich sechzehn und noch am Leben war. Sie war ein Technikfreak. Würde man heute sagen. Übrigens war sie nicht wirklich meine Mutter. Aber - und darauf hat mich Herr Mertens gebracht - es ist wirklich hilfreich, sich wunderbare Eltern vorzustellen, wenn man schreckliche hat. Er hat es schon so gemacht und war damals bereits nicht mehr der Jüngste. Gute Eltern helfen auch, wenn man schon fünfzig ist, oder sechzig, und weil Herr Mertens gleich nebenan wohnt, brauche ich keinen Vorstell-Vater. Heute werde ich noch einmal versuchen, die Funkmaschine >ans Laufen zu bringen. Zu gern würd ich wissen, wessen Botschaften Mutter empfangen wollte.

Im Benthal

Wo er liegt, ist es dämmrig. Auch still. Nur gedämpft klingt manchmal Gluckern und Glucksen in sein Bewusstsein. Über seine Beine streichen Algen, den Kopf hat er auf sie gebettet, die Augen hält er geschlossen. Der Krake war lang unterwegs. Er ist müde. Er hat diese halbe Höhle gewählt, weil sie angenehm schattig ist, weil das Wasser, wenn es hinein- und hinausströmt, ihn wiegt und weil er von hier aus, wenn er eins seiner Augen auch nur halb öffnet, weit oben die buntbemalten Kiele der Fischerboote sehen kann. Das Lichterspiel der kleinen Schiffe, die aufs offene Meer hinausfahren und später wieder heimkehren, es macht ihn noch schläfriger. Nacheinander knipst er sieben seiner >acht Gehirne aus. Würden Kraken zufrieden seufzen, wäre jetzt der Moment. Aber sie tun nichts dergleichen. Nur ein Luftbläschen steigt auf, und der Krake schläft.

Die Windtänzerin (für Juschka)

Als der Text im Raum stand, wurde er endlich zum Hindernis. Es hatte eine Weile gedauert, bis ihm die Sache mit dem Im-Raum-Stehen gelungen war. Texte sind von Natur aus eher zweidimensional, weswegen sie es mit räumlichen Angelegenheiten meist schwer haben. Die Windtänzerin hatte es dem Text aber so angetan, dass er alles tat, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Und nun, da er ein Hindernis geworden war, ging sie tatsächlich um ihn herum, legte eine Hand auf seine Seite und lächelte. Sie wusste sofort, dass er sie liebte. Und sie wussten beide, dass sie ihm das Herz brechen würde, denn Texte sind nichts für die Windtänzerin: sie liebt den Regen und die Wirklichkeit. Da er aber nun einmal da war und da er sie nun einmal liebte, bewegte sie sich langsam, geschmeidig und zielsicher auf sein Herz zu. Der Text knisterte und raschelte vor Glück und war >klug genug, nicht an morgen zu denken.

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ein paar zeilen über...

was die piratin hier tut

max zehn minuten schreiben. max zwei mal überarbeiten. max 852 zeichen mit leerzeichen (plus/minus). dann: flaschenpost ins weltweitewogen schicken. das ganze, wenn die see nicht zu rau ist, täglich. die see ist allerdings oft rau. dann: segel hissen, weiterschippern...

was geht?

2013
ein jahr für >treibguttexte, anlässlich all der kleinen und großen wunder, die die drift unablässig an die planken der euka spült, für >texte vom berg, anlässlich des wunderbaren ausblicks aus dem bullauge der kapitäninnenkoje, und natürlich für >londontexte, anlässlich des zweiten teils einer wundersamen >kreuzfahrt zur stadt an der themse... und schließlich ist 2013 auch ein wunderbares jahr für texte der rubrik revisited, in der sich besondere texte aus der ersten zeit des blogs finden, die teils inzwischen schon im print erschienen sind.

2012
das >Eigenartige Haus mit texten von sudabeh mohafez, aka eukapirates, und illustrationen von >rittiner & gomez erscheint als graphic novel im print bei der >edition taberna kritika

2011
zwischen dezember 2011 und mai 2012 entstehen hier fünf zehn-zeiler für das ensemble >gelber klang.

der >bildermacher und der >büchermacher haben die piratin überredet, die geschichte des "Eigenartigen Hauses" als mini - fortsetzungsroman zu erzählen. er beginnt am >9. juni. und die bilder dazu gibt es - wie könnte es anders sein? - im >logbuch

2010
das buch zum blog: am 17. märz ist das zehn-zeilen-buch im print bei der edition AZUR erschienen! alle weiteren infos dazu findet ihr >hier

2008
der >isla-volante-literaturpreis geht in 2008 an die zehn zeilen! eukapirates zupft das rote tuch vom haar, verbeugt sich formvollendet und murmelt leise: >danke schön...

2007
im >januar geht das zehn zeilen blog online

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